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Alevitische Gemeinde Duisburg / Duisburg Alevi Toplumu

Kendin için istediğini başkaları için de iste. (Hz. Ali)

Alevitische Gemeinde Duisburg / Duisburg Alevi Toplumu - Kendin için istediğini başkaları için de iste. (Hz. Ali)

Alevitischer Religionsunterricht

Alevitischer Religionsunterricht an den Schulen Grundlagen, Wege und Perspektiven

Ismail Kaplan, Bildungsbeauftragter der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF)
 
 
 
1. Einleitung
Die religiöse Bildung kann sich nur in einer säkularisierten Gesellschaft wie Deutschland weltoffen und kreativ entwickeln. Das säkulare System ist die unverzichtbare Voraussetzung für die Realisierung der Religions- und Meinungsfreiheit sowie einen interreligiösen Dialog. Wenn wir heute von einer interreligiösen Gesellschaft sprechen können, ist dies der Verdienst des echten säkularen Systems in Deutschland. Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland schützt die Religionsfreiheit von einzelnen und von den Gemeinschaften und hindert eine Machtbildung einer bestimmten Religion oder Konfession über die anderen religiösen Gemeinschaften.
Aleviten schöpfen Mut aus dieser Grundlage und stellen sich der Bildungsaufgabe ihrer Kinder und Kinder dieser Gesellschaft aus unterschiedlicher Herkunft. Dabei tauchen oft Probleme auf, deren Lösungen oft nicht bei Aleviten liegen, sondern bei den komplizierten föderativen Schulsystem in Deutschland. 
Die Bestrebungen, Kenntnisse des Alevitentums im Unterricht zu vermitteln, gehen auf die Gründungsjahre der alevitischen Gemeinden in Deutschland zurück. Im September 1991 hat das Alevitische Kulturzentrum Hamburg eine Unterschriftenkampagne gestartet, um Inhalte des Alevitentums in den Schulen zu vermitteln. Aufgrund dieser Aktion und darauf folgender Verhandlungen wurden 1998 verschiedene alevitische Themen im Rahmen des interreligiösen Religionsunterrichts in den Lehrplan für die Hamburger Grundschulen aufgenommen.
 
In Berlin hat das Kulturzentrum Anatolischer Aleviten auf seinen Antrag am 17.03.2000 auf den alevitischen Religionsunterricht die Zulassung vom 17.05.2002 für den alevitischen Religionsunterricht erhalten.
Die Anträge der Alevitischen Gemeinde Deutschland von 2000 und 2001 für den alevitischen Religionsunterricht wurden in den Flächenländern erst nach langem Verfahren beschieden. Um eine gemeinsame Lösung für den alevitischen Religionsunterricht zu finden, haben die Kultusministerien der Länder Nordrhein-Westfalen, Baden Württemberg, Hessen und Bayern Frau Prof. Dr. Ursula Spuler- Stegemann beauftragt. Sie sollte in einem religionswissenschaftlichen Gutachten die Fragen klären, ob das Alevitentum ein eigenständiges Bekenntnis oder ein zum Mehrheitsislam bekenntnisverwandter Glaube ist und ob die AABF eine eigene Religionsgemeinschaft im Sinne des Art. 7 Abs. 3 Grundgesetz ist. Für die Entscheidung der Einführung des alevitischen Religionsunterrichts war dieses Gutachten eine wichtige Grundlage [1] Das Schulministerium NRW hat dazu ein zweites Rechtsgutachten von Herrn Prof. Dr. iur. Stefan Muckel erstellen lassen. Dies hat das Ergebnis des ersten Gutachtens bestätigt, dass die Alevitische Gemeinde Deutschland als eine Religionsgemeinschaft im Sinne des Art. 7 Abs. 3 Grundgesetz anzusehen ist [2].
Die genannten Bundesländer bildeten im Oktober 2004 eine länderübergreifende Arbeitsgruppe, um die Einführung des alevitischen Religionsunterrichts zu begleiten. Das Kultusministerium Baden Württemberg hat schon Anfang 2006 beschlossen, den alevitischen Religionsunterricht ab September 2006 im Rahmen eines Modellversuchs „Islamunterricht“ in Mannheim und Villingen – Schwenningen einzuführen.
Die Alevitische Gemeinde Deutschland hat in den Jahren 2002-2003 am Runden Tisch zum islamischen Religionsunterricht in Niedersachsen teilgenommen. Da der dort erstellte Lehrplan für diesen Unterricht das Alevitentum nicht bzw. nicht ausreichend behandelt, hat die AABF im Mai 2003 auch beim Kultusministerium des Landes Niedersachsen den alevitischen Religionsunterricht beantragt.
Das Gleiche läuft im Land Schleswig- Holstein. Die AABF hat auch dort einen Antrag für einen alevitischen Religionsunterricht gestellt.
Der AABF- Antrag im 20.11.2008 beim Ministerium für Schule in Rheinland-Pfalz wurde noch nicht beschieden. Dagegen wurde der Antrag der AABF auf den alevitischen Religionsunterricht in Saarland positiv aufgenommen und der Unterricht wird ab Mitte August 2010 in zwei Schulen eingeführt.
 
2. Das Alevitentum als der Religionsunterricht an den Schulen
 
Aleviten in Deutschland haben mit der Einführung des alevitischen Religionsunterrichts in einigen Bundesländern ein wichtiges gemeinsames Bildungsziel für ihre Kinder an den Schulen erreicht. Eines der Hauptanliegen, das seit Jahren von den Mitgliedsvereinigungen immer wieder an die Alevitische Gemeinde Deutschland herangetragen wurde, war die Einrichtung eines alevitischen Religionsunterrichts an den öffentlichen Schulen Deutschlands. Die überwiegende Mehrheit der alevitischen Eltern sind für die Vermittlung alevitischer Lehre in den deutschen Schulen [3]. Eltern beklagen sich, dass die fehlende religiöse Unterweisung in der Schule zu einer Entfremdung der Kinder von ihren Familien, vom alevitischen Glauben und von der alevitischen Kultur führt.
Unter den Aleviten besteht ein Glaubenskonsens und die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF) ist als eine Religionsgemeinschaft tätig und es besteht mit ihren Mitgliedern eine klare Mitgliedschaftsstruktur[4]. Dies entspricht dem § 7.3. Grundgesetzes, um die Grundsätze für den alevitischen Religionsunterricht zu gewähren.
Danach ist der alevitische Religionsunterricht ein ordentliches Fach und er wird von alevitischen Lehrkräften erteilt und benotet.
3. Rechtslage und Möglichkeiten für einen alevitischen Religionsunterricht:
Der Religionsunterricht an deutschen Schulen ist verfassungsrechtlich geregelt. Art. 7 II des Grundgesetzes lautet: „Die Erziehungsberechtigten haben das Recht, über die Teilnahme des Kindes am Religionsunterricht zu bestimmen.“ Art. 7 III besagt: „Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt. Kein Lehrer darf gegen seinen Willen verpflichtet werden, Religionsunterricht zu erteilen.“
Da in Deutschland für die Schulbildung die Länder zuständig sind, gibt es von Bundesland zu Bundesland Unterschiede im Bezug auf die Stellung und Organisation des Religionsunterrichts. Auf jeden Fall wird der Lehrplan eines alevitischen Religionsunterrichts mit der Alevitischen Gemeinde Deutschland als der offiziellen Vertretung der alevitischen Religionsgemeinschaft abgestimmt. Die Alevitische Gemeinde Deutschland hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der alevitische Religionsunterricht – der sich an dem Religionsunterricht der Kirchen orientiert- eingeführt wird.
 
4. Aktueller Stand zum alevitischen Religionsunterricht (ARU) in einzelnen Bundesländern
 
Nordrhein Westfalen:
Die Alevitische Gemeinde Deutschland hat nach der Grundsatzentscheidung in den letzten Jahren schulorganisatorische und unterrichtsbezogene Vorbereitungen getroffen. Durch Recherchen der alevitischen Ortsgemeinden wurden die Schulen festgestellt, in denen Lerngruppen von mindestens 12 Schülerinnen und Schülern für den alevitischen Religionsunterricht gebildet werden können. Diese Vorarbeit wurde zuerst an Grundschulen geleistet, weil der Lehrplan für den alevitischen Religionsunterricht für die Grundschule im Jahre 2008 in Kraft trat.
 
Die AABF und die alevitischen Ortsgemeinden haben im Jahre 2007 die nötige Vorarbeit geleistet, und die Schulen dem Schulministerium gemeldet, die über ein Schülerpotential für den alevitischen Unterricht verfügen.
Im Frühjahr 2008 wurden alle Vorbereitungen getroffen, um den Unterricht im August 2008 anzufangen. Dazu gehörten die Klassenbildung in den Grundschulen und die Festlegung der alevitischen Lehrkräfte. Das Ministerium lässt zu, auch in der zweiten Hälfte des Schuljahres den Unterricht in weiteren Schulen einzuführen, wenn dort ausreichende alevitische Schüler vorhanden sind.[5]  In NRW hat der alevitische Religionsunterricht im Schuljahr 2008/2009 begonnen. Diese sind: Dortmund (3 Schulen), Bergkamen (2 Schulen), Duisburg (3 Schulen) sowie Köln und Wuppertal je in einer Schule. Dazu kamen in diesem Schuljahr weitere Schulen in Grevenbroich und Lünen.
Im Schuljahr 2010/2011 wurde von den alevitischen Ortsgemeinden ein Schülerpotential an den 31 Schulen in NRW festgestellt, um den alevitische Religionsunterricht hinaus auszuweiten. Obwohl die AABF diese Schulen im Februar 2010 dem Ministerium gegenüber gemeldet hatte, kann der Unterricht aufgrund der fehlenden Lehrkräfte leider an 20 Schulen erteilt werden.
Als Religionsgemeinschaft trägt die AABF neben dem Inhalt des Unterrichts auch die Mitverantwortung für die Lehrer des alevitischen Religionsunterrichts. Aus dieser rechtlichen Verpflichtung und Verantwortung heraus hat AABF in NRW und in den anderen Bundesländern die Lehrer alevitischer Herkunft akquiriert, die die Lehrbefähigung in Deutschland erworben haben und die im Schuldienst als Lehrer tätig sind.
Die alevitischen Lehrkräfte, die bereit sind, alevitischen Religionsunterricht in den Grundschulen im Rahmen ihrer Lehrertätigkeit zu erteilen, werden parallel zum Unterricht seit 2008 anhand des alevitischen Lehrplans fortgebildet. Diese Fortbildung wird organisatorisch und inhaltlich durch die Bezirksregierung Köln im Auftrag des Schulministeriums NRW in Zusammenarbeit mit der Alevitischen Gemeinde Deutschland getragen. In der Fortbildung haben die Teilnehmer Möglichkeit, sich an den Inhalten von Schlüsselthemen und didaktischen Grundlagen des neuen Lehrplans zu orientieren. Sie erhalten dort Möglichkeit, sich mit den Grundfragen von Religion und Erziehung, Religion und Sozialisation der alevitischen Kinder zu befassen.
Bei dem Lehrereinsatz für den alevitischen Religionsunterricht spielen verschiedene Faktoren eine erschwerende Rolle:
·        Es gibt kaum alevitische Grundschullehrer, die an Grundschulen alevitischen Religionsunterricht erteilen erteilen können. Viele alevitische Lehrer sind in der Sekundarstufe I (Real- und Hauptschulen, Gesamtschulen und Gymnasien) tätig.
·        Im Prinzip können die Lehrer aus Sekundarstufe I an Grundschulen alevitischen Religionsunterricht erteilen, wenn sie von ihren Schulleitungen freigestellt werden.
·        Viele Schulleitungen in Sekundarstufe I verzichten auf ihre Lehrkräfte nicht freiwillig, weil die zuständigen Bezirksregierungen im Gegenzug keine Vorteile z. B. Bereitstellung der Ersatzstunden für den Ausfall der Lehrkräfte zur Verfügung stellen. Diese Schwierigkeit trifft auch für die Teilnahme an der Lehrerfortbildung für alevitische Lehrer zu.
·        Der größte Teil der alevitischen Lehrkräfte besteht aus den jungen Frauen, die im Laufe der Zeit Mutter werden und in die Erziehungszeit gehen. Bei diesem Fall muß eine Ersatzkraft für den alevitischen Religionsunterricht gefunden werden.
 
Nicht nur die fehlenden Lehrkräfte ist ein Problem bei der Einführung des alevitischen Religionsunterrichts, sondern auch die Mindestzahl (12 Schüler an einer Grundschule) der Schüler stellt eine Hürde dar. Die alevitischen Ortsgemeinden stellen zuerst ca. im Oktober/ November eines Vorjahres die potentiellen Schülerinnen und Schüler für den Unterricht fest. Die Listen der Schüler werden von der AABF an das Ministerium ca. im Januar des Jahres überreicht, in dem der Unterricht anfangen soll. Das Ministerium soll diese Listen über die Bezirksregierungen an die Schulen mitteilen. Die Schulen kontrollieren die Schülerlisten nach eigenen Daten und melden das Ergebnis dem zuständigen Schulamt bzw. Schulministerium zurück. Oft kommt dabei eine niedrige Schülerzahl zustande, weil sich einige alevitische Eltern gegenüber dem Schulleiter äußern, daß ihr Kind lieber eine Fördermaßnahme besucht als den alevitischen Religionsunterricht, als ob der alevitische Religionsunterricht keine Förderung des Kindes wäre.
 
Das Schulministerium NRW hat in den Jahren 2006-2007 in Abstimmung mit der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF) den Lehrplan „Alevitischer Religionsunterricht“ für die Grundschule erstellt, der die Grundlage für den alevitischen Religionsunterricht bildet. Nach zweijährigen Erfahrungen mit dem alevitischen Religionsunterricht an den Grundschulen hat das Schulministerium im Frühjahr 2010 in Abstimmung mit der AABF eine Lehrplankommission für die Erstellung des Lehrplans für die Sekundarstufe I beauftragt. Diese Kommission beabsichtigt, den vorgesehenen Lehrplan zum Ende dieses Jahres dem Ministerium vorzulegen. Danach kann der alevitische Religionsunterricht ab dem Schuljahr 2010/2011 auch an den Schulen der Sekundarstufe I eingeführt werden. Insbesondere die Eltern, deren Kinder an der Grundschule einen alevitischen Religionsunterricht besuchten, fordern an weiterführenden Schulen die Fortsetzung dieses Unterrichts.
Baden Württemberg:
 
Der alevitische Religionsunterricht wurde schon im Schuljahr 2006/2007 in Mannheim und Villengen- Schweningen eigeführt. In Villengen- Schwenningen konnte ab dem Schuljahr 2007/2008 die zweite Lerngruppe gebildet werden.
Zum einen hat sich der alevitische Religionsunterricht als ein Teil des Schulunterrichts entwickelt, zum anderen hat er bei den Eltern zunehmend Interesse gefunden.Die Lehrkräfte berichten, dass sich die Eltern der alevitischen Schüler durch den ARU um die Belange der Schule stärker interessieren. Sie haben durch den ARU ein positives Verhältnis zur Schule entwickelt. Ein Zeichen dazu kann die starke Teilnahme an den Elternabende /Klassenpflegschaftsversammlungen erwähnt werden.

Auch das Lehrerkollegium in den beiden Standorten zeigt ein starkes Interesse an den ARU.

Aufgrund der erkennbaren positiven Ergebnisse beantragt die AABF den „alevitischen Religionsunterricht in Modellversuch“ in zwei Standorten (Astrid-Lindgren-Schule in Mannheim und Gartenschule in Villengen- Schwenningen) ab dem Schuljahr 2010/2011 in regulären „alevitischen Religionsunterricht“ umzuwandeln und den ARU in anderen Schulen auszuweiten.
In Baden Württemberg hat die Alevitische Gemeinde Deutschland insgesamt in 30 Städten Mitgliedsgemeinden. Nach der Feststellung der alevitischen Ortsgemieden können Lerngruppen mit mehr als 8 alevitischen Schülern im Schuljahr 2010/2011 in vielen Städten bzw. Schulen gebildet werden. Die Einführung des alevitischen Religionsunterrichts kann aufgrund der vorhandenen Anmeldungen der Schüler z. B. in Mühlacker, Offenburg, Wiesloch, Stuttgart, Filderstadt, Ludwigsburg, Weil am Rhein, Geislingen, Göppingen, Pforzheim, Böblingen, Laichingen usw. realisiert werden. Der ARU kann in vielen von diesen Schulen aufgrund des Einsatzes der Lehrkräfte, die oft aus anderen Schulbezirken kommen müssen, nachmittags organisiert werden. 
Den Idealfall, dass die Lehrkraft in der Schule alevitischen Religionsunterricht erteilt, in der sie schon tätig ist, haben wir leider nicht überall. Wir müssen in der Regel auf die alevitischen Lehrkräfte in allen Schulformen zurückgreifen, die bereit sind, den ARU zu erteilen.
Aus den genannten Schwierigkeiten kann der alevitische Religionsunterricht in Baden-Württemberg in vielen Standorten von Lehrkräften stundenweise und auf Honorarbasis organisiert werden.
 
Hessen
Im Frühjahr 2008 wurden alle Vorbereitungen für den alevitischen Religionsunterricht getroffen. In Hessen reichen 8 Schüler aus, um eine Lerngruppe zu bilden. In mehreren Orten konnten Lerngruppen gebildet werden: je eine Lerngruppe in Giessen, Lollar und Hanau. Der alevitischen Religionsunterricht konnte in Hessen aufgrund der unklaren politischen Verhältnisse erst im August 2009 beginnen. Eine Lehramtsanwärterin und ein Berufschullehrer haben den alevitischen Religionsunterricht in den genannten Städten übernommen. In Hessen findet der Lehrplan in NRW für den alevitischen Religionsunterricht in Anwendung. Auch ist in Hessen vorgesehen, den ARU im nächsten Schuljahr in den Standorten auszuweiten, wo mindestens 8 Schüler vorhanden sind. Hierbei herrscht auch der Mangel an alevitischen Lehrern.
 
Bayern
Im Frühjahr 2008 wurden alle Vorbereitungen in Bayern in Absprache mit dem Staatsministerium für Unterricht und Kultus getroffen, um den Unterricht im September 2008 anzufangen. Dazu gehören die Klassenbildung in den Grundschulen und die Festlegung der alevitischen Lehrkräfte. Die Lehrkräfte für den ARU sind Personen, die eine Lehrbefähigung besitzen.
In Bayern wurde der alevitische Religionsunterricht im Schuljahr 2008/09 in fünf Städten eingeführt: in München drei Lerngruppen, in Augsburg, Schweinfurt, Mainburg, und Neufahrn jeweils eine Lerngruppe. Dazu kamen im Schuljahr 2009/2010 zwei Lerngruppen in Ingolstadt hin. In Bayern müssen mindestens 12 Schüler in einer Lerngruppe zusammenkommen, um den Unterricht einzurichten. Obwohl in den weiteren Städten wie Moosburg, Regensburg, Landshut und Erlenbach Lerngruppen zustande kamen, kann der Unterricht aufgrund der fehlenden Lehrkraft nicht eingeführt werden. Hier ist die Ausnahme in Nürnberg. Dort soll im Schuljahr 2010/2011 der alevitische Religionsunterricht in zwei Schulen eingeführt werden.
Auch von den Lehrern in Bayern erhalten wir sehr positive Meldungen über ihre Erfahrungen mit dem alevitischen Religionsunterricht.
In Bayern wurde der Lehrplan für den alevitischen Religionsunterricht in Zusammenarbeit mit dem Staatsinstitut für Unterricht entwickelt. Der Inhalt des Lernplans ist jedoch mit dem Inhalt des Lernplans in anderen Bundesländern identisch.
 
Niedersachsen:
Das Land Niedersachsen hat auf Antrag der AABF beschlossen, ab dem Schuljahr 2010/2011 in drei Standorten alevitischen Religionsunterricht einzuführen. Da es dort auch an ausgebildeten Lehrer fehlt, kann der ARU lediglich an zwei Schulen in Salzgitter beginnen.
 
Saarland:
Im nächsten Schuljahr wird der ARU an zwei Schulen in Saarbrücken eingeführt. Das Land Saarland sieht diese Entwicklung für die Integration als positiv. Die Alevitische Gemeinde in Saarbrücken beteiligt sich an die Gestaltung des Unterrichts sehr aktiv.
 
Hamburg:
An Hamburger Schulen werden seit 1998 alevitische Themen, wie z. B. der alevitische Gottesdienst Cem, das Muharremfasten, der Aşuretag, das Einverständnis Rızalık, der Hızır-İlyas-Tag, das Semah- Ritual und die Rolle der Musik bei Aleviten im Rahmen des interreligiösen Religionsunterrichts für alle behandelt [6]. Der interreligiöse Religionsunterricht wurde in Hamburg ab dem Schuljahr 2004/2005 auf die Sek. I und Sek. II des Gymnasiums ausgeweitet.[7]
 
Berlin
Im Schuljahr 2009/2010 besuchten ca. 150 Schülerinnen und Schüler den alevitischen Religionsunterricht in 20 Berliner Grundschulen. Dieser Unterricht wird nach dem Lehrplan der Alevitischen Gemeinde Deutschland 2001 erteilt. Leider besteht zurzeit keine Möglichkeit dazu, diesen Unterricht in höheren Schulen z. B. Gymnasien fortzusetzen.
 
5. Ziele des alevitischen Religionsunterrichts
Die Ziele und Inhalte des alevitischen Religionsunterrichts wurden im Lehrplan durch die gemischten Lehrplankommission festgelegt. Die alevitischen Fachkräfte in der Kommission achteten darauf, dass die unumstrittenen Interpretationen und Positionen in den Lehrplan aufgenommen werden. Die Mitgliederversammlung der AABF hatte den Lehrplan in ihrem Kongress am 29.09.2007 vorgestellt, diskutiert und angenommen.
Aufgaben und Ziele des alevitischen Religionsunterrichts ergeben sich wesentlich aus dem Selbstverständnis der alevitischen Glaubenslehre. Dementsprechend soll der alevitische Religionsunterricht die Schülerinnen und Schüler in den Zusammenhang zwischen dem Glauben und Leben einführen. Im Lehrplan für den alevitischen Religionsunterricht in NRW wurden die Ziele des Unterrichts wie folgt formuliert:  
„Vor diesem Hintergrund hat der alevitische Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen die Aufgabe,
·        die Entwicklung einer alevitischen Identität in einer nicht-alevitischen Umwelt zu unterstützen;
·        das Alevitentum in seiner Geschichte und alltäglichen Gegenwart in allen Facetten bewusst zu machen;
·        den Schülerinnen und Schülern Orientierung und Hilfestellungen auf der Suche nach einer eigenen Lebensausrichtung zu geben;
·        die Sprache der Schülerinnen und Schüler besonders im Hinblick auf die alevitischen Begriffe und die damit verbundene Metaphorik zu fördern;
·        auf der Grundlage alevitischer Quellen zu motivieren, eigenverantwortlich zu leben und zu handeln;
·        ein gutes Zusammenleben von Alevitinnen und Aleviten und Andersgläubigen in Gleichberechtigung, Frieden und gegenseitiger Achtung und Zuwendung zu fördern.“ [8]
 
In diesem Sinne soll der Unterricht den Kindern die Möglichkeit bieten, Fragen, Probleme und Erfahrungen zu artikulieren und zu erörtern, sowie Zugang zu neuen Einsichten und zu neuen Glaubenserfahrungen zu gewinnen. Mit den Erfahrungen der alevitischen Kinder im Alltag kann und soll der Religionsunterricht zum Wegweiser werden. Die Schülerinnen und Schüler sollen die elementaren alevitischen Wertvorstellungen zu eigenen Erfahrungen in ihrer Lebenswirklichkeit und zu den Erfahrungen anderer Menschen in Beziehung setzen können. Sie sollen die alevitischen Glaubensinhalte und Traditionen des Alevitentums als Deutungsangebot für das eigene selbst verantwortete Leben und Zusammenleben mit anderen Menschen verstehen können.
Dazu ist es erforderlich, dass sie in der Lage sind,
·        den alevitischen Weg in Inhalt und Darstellung als Ausdruck gültiger Glaubens- und Lebensform für Aleviten wahrzunehmen;
·        ihren Glauben, ihre Tradition und ihre Kultur gegenüber ihren andersgläubigen Mitschülerinnen und Mitschülern zu vertreten und zugleich deren Anderssein zu respektieren und zu versuchen, dieses Anderssein zu verstehen;
·        mit Angehörigen anderer Religionen und Weltanschauungen qualifiziert ins Gespräch zu kommen;
·        eigene Gefühle und Lebenserfahrungen zur Sprache zu bringen und diese mit denen anderer Menschen zu vergleichen;
·        alevitische Überlieferungen in ihrer eigenen Lebenswirklichkeit zu untersuchen und gegebenenfalls zu integrieren;
·        Regeln zu erkennen, ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen und gegebenenfalls im Sinne des alevitischen Verständnisses von Einvernehmen (rızalık) zu verändern;
·        Konflikte im Sinne des alevitischen Konzepts von Einvernehmen zu bearbeiten;
·        Fragen nach dem Sinn der Dinge und des Lebens zu stellen und danach, warum viele Menschen unterschiedliche Auffassungen über die Entstehung des Menschen haben.
 
6. Inhalte des alevitischen Religionsunterrichts
Nach dem vorher genannten Lehrplan sollen die Schülerinnen und Schüler im alevitischen Religionsunterricht grundlegende Kenntnisse erwerben
·        über das alevitische Gottesverständnis (Allah, Hak, Hüda)
·        Über die alevitische Vorstellung von der Beziehung zwischen Hak-Muhammet-Ali
·        zu den alevitischen Glaubensgrundlagen und zu den alevitischen Werten;
·        zu den geschichtlichen und geistigen Grundlagen des Alevitentums;
·        zur alevitischen Kultur und deren religiöse Einbindung in Riten, insbesondere zu den Gesängen, zur Saz (bağlama) und zum Semah;
·        zu den Grundsätzen alevitischer Ethik und Moralvorstellung;
·        zu den religiösen Formen des Alevitentums, insbesondere zum Cem, Semah und zu den Ausdrucksformen alevitischen Verhaltens;
·        zur überlieferten Wirkungsgeschichte des Propheten Mohammed, des heiligen Ali und der Zwölf Imame;
·        zur Bedeutung und Wirkung des heiligen Hacı Bektaş Veli und der anderen Heiligen (z. B. Die Sieben großen Dichter);
·        zu den anderen Propheten der großen Religionen;
·        zu den Grundlagen und zur Eigensicht der unterschiedlichen Religionen und Glaubensrichtungen der Mitschülerinnen und Mitschüler.
Die letzten genannten zwei Themen des alevitischen Religionsunterrichts haben explizit das Ziel, den interreligiösen Dialog und interreligiöses Lernen (nicht nur) in der Schule zu fördern.
 
7. Praktische Hinweise für den Unterricht
Der alevitische Religionsunterricht setzt konkrete Akzente in den Klassen, die aus der alevitischen Lehre stammen. Hier sind einige Beispiele zu erwähnen:
•         Einvernehmen /rızalık: Die Klasse fängt die Unterrichtsstunde mit einer Versöhnungsphase unter den Kindern an. Falls Streitigkeiten unter Kindern vorhanden sind, müssen sie ausgesprochen und ausgeräumt werden. Dann fängt die Lehrkraft mit dem eigentlichen Unterricht an. (Analog zum Cem-Gebet)[9]
•         Sitzordnung: Face to face / Gesicht zu Gesicht: Kinder sollen während des Unterrichts eine Runde in der Klasse bilden (alevitische Sitzordnung). Es gibt für Schüler keine bestimmte Kleiderordnung.
•         Musik/saz: Das Instrument Saz spielt eine hervorragende Rolle im alevitischen Gebet. Daher soll die Lehrkraft alevitische Gesänge und das Instrument Saz in den Unterricht integrieren.
•         Drei Beispiele: Die Lehrkraft und die Schüler sollen sich daran gewöhnen, den Dreier Satz zu bilden. (Analog zum Hak Mohammed Ali)
•         Vielfalt bewahren: Die Lehrkraft soll im Unterricht mögliche Interpretationen nach alevitischem Motto „Ein Ziel – viele Wege“ gelten lassen, die die Schüler nennen, um die Meinungs- und Glaubensfreiheit im Unterricht zu demonstrieren. (Kontroversitätsprinzip)
 
8. Sprache des alevitischen Religionsunterrichts:
Nach dem Grundgesetz ist die Sprache des Religionsunterrichts Deutsch. Jeder Unterricht in der Schule ist zugleich sprachliches Lernen. Das gilt auch und besonders für den alevitischen Religionsunterricht. Hier geht es nicht nur darum, dass es sich bei der Schülerschaft auf absehbare Zeit um Kinder und Jugendliche handelt, die überwiegend aus Familien stammen, die nicht deutschsprachig oder bilingual geprägt sind, sondern auch darum, eine in deutscher Sprache noch nicht allgemein etablierte Fachsprache alltagssprachig verfügbar zu machen. Zum einen müssen die Schülerinnen und Schüler bislang hauptsächlich in türkischer, persischer und gegebenenfalls kurdischer und arabischer Sprache formulierte Begriffe in deutscher Sprache umformulieren, zum anderen müssen sie als Angehörige der alevitischen Religionsgemeinschaft in der Lage sein, ihre Religion und ihren Glauben im Diskurs mit Andersgläubigen in deutscher Sprache zu vertreten. Aus diesen Gründen ist im alevitischen Religionsunterricht in besonderer Weise auf exakte deutsche Sprachlichkeit zu achten. Die Wörter, Begriffe und Namen (WBN) in den Themeneinheiten sollten die Schülerinnen und Schüler nachhaltig kennen, sofern die entsprechenden thematischen Aspekte im Unterricht behandelt worden sind. Das heißt, sie sollten nach dem ersten Kennenlernen derselben in der Lage sein, etwas Substanzielles zu ihnen zu sagen und längerfristig sprachlich und sachlich mit ihnen umgehen können
Es ist selbstverständlich, dass einige Grundbegriffe wie z. B. Allah, cem, semah, aşure, dede in der Ursprungssprache beibehalten werden müssen. Allein im Lehrplan wurden über 50 Begriffe aus dem Alevitentum in Originalsprache aufgenommen und in deutscher Sprache erklärt. Aleviten sehen die Notwendigkeit, dass die grundlegenden Texte zum Glauben von den alevitischen Gelehrten in deutscher Sprache kindgerecht vermittelt werden müssen. 
Dies sehen die Aleviten auch deshalb als notwendig an, weil die gemeinsame deutsche Sprache Voraussetzung für jeden interreligiösen Dialog in diesem Land ist.
 
9. Lehrerausbildung 
Bisherige Erfahrungen zeigen, daß der Bedarf am alevitischen Religionsunterricht aufgrund der Mangel an ausgebildeten Lehrer nicht gedeckt werden kann. Für die Erteilung von alevitischen Religionsunterricht an weiterbildenden Schulen/Gymnasien wird es notwendig sein, alevitische Gymnasiallehrer durch ein angemessenes Studium an einem Lehrstuhl für alevitische Theologie für das Fach alevitischer Religionsunterricht auszubilden. Für die Gewährleistung einer adäquaten Ausbildung ist die Schaffung eines ordentlichen Lehrstuhls für die alevitische Theologie unumgängliche Voraussetzung.
Es gibt zur Zeit in Deutschland keine universitäre Möglichkeit, Lehrerinnen und Lehrer für den alevitischen Religionsunterricht auszubilden. Die Ausbildung der alevitischen Lehrer soll an einer Universität mit einem Erweiterungsfach erfolgen. Alevitische Studenten sollen Möglichkeit haben, das Zusatzfach Alevitische Religionslehre zu ihren zwei obligatorischen Studienfächern zu belegen.
Dieses Studienfach kann auch von den evangelischen und katholischen Lehramtsstudentinnen und Studenten zusätzlich zu ihren Hauptfächern in Anspruch genommen werden, weil sie später ihren Religionsunterricht insbesondere in den kleineren Städten bzw. an den Randgebieten der Großstädten vereinzelt auch von den alevitischen Schülern besucht wird.
Um die Möglichkeiten und Positionen der Universitäten in NRW für den Aufbau eines Lehrstuhls „alevitische Religionslehre“ herauszustellen, haben die Vertreter der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF) mit der Universität zu Köln und der Universität Essen/Duisburg Kontakte aufgenommen. Hierbei ist die politische Grundsatzentscheidung der Landesregierung NRW nötig.
 
9. Perspektiven
Die AABF hat in ihrem 20. Jubiläumsjahr 2008 einen Status als Religionsgemeinschaft der Aleviten erreicht, das vor 20 Jahren in ferner Zukunft lag. Mit der Einführung des alevitischen Religionsunterrichts in den Grundschulen wird dieser Status mit Leben gefüllt. AABF hat damit eine Herausforderung bzw. Aufgabe übernommen, die keinesfalls einfach ist.
Die Überzeugung der einzelnen Aleviten und der Zusammenhalt der alevitischen Ortsgemeinden sind die Garanten für den Erfolg der Aleviten bei dieser Verantwortung.
Alevitische Gemeinde Deutschland ist daran bewußt, durch die Einführung des alevitischen Religionsunterrichts eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe übernommen zu haben.
 
Die in kurzer Zeit gesammelten Erfahrungen zeigen, dass der ARU nicht nur bei den alevitischen Kinder bzw. alevitischer Gemeinschaft identitätsstiftend wirkt, sondern er letztendlich auch die Beziehungsfähigkeit von nicht alevitischen Schülerinnen und Schüler fördert. Daran trifft sich das öffentliche Interesse an den alevitischen Religionsunterricht und mit dem  alevitischen Grundsatz „im Einvernehmen mit der Gemeinschaft sein“ zusammen.
 
 
Literaturhinweise:
 
Alevilerin Sesi (Stimme der Aleviten), monatliche zweisprachige Zeitschrift der Alevitischen Gemeinde Deutschland,
 
Lehrplan des Alevitischen Religionsunterricht, Grundschule Klasse 1 bis 4, Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, Heft 2013, Ritterbach Verlag, 2008
 
Kaplan, Ismail: Das Alevitentum- Eine Glaubens- und Lebensgemeinschaft in Deutschland, Hrsg.: Alevitische Gemeinde Deutschland, Köln 2004
 
Muckel, Stefan: Rechtsgutachten: Ist die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. eine Religionsgemeinschaft?
 
Sökefeld, Martin (Hg.): Aleviten in Deutschland- Identitätsprozesse einer Religionsgemeinschaft in der Diaspora, Transcript- Verlag 2008
 
Spuler-Stegemann, Ursula: Gutachten: Ist die Alevitische Gemeide Deutschland e.V. eine Religionsgemeinschaft?, Marburg 2003
 

[1] Gutachten von Spuler-Stegemann, Marburg 2003
[2] Gutachten von Muckel, Köln 2004
[3] Sökefeld, Martin, Aleviten in Deutschland- Identitätsprozesse einer Religionsgemeinschaft in der Diaspora, Transcript- Verlag 2008
[4] Satzung der Alevitischen Gemeinde Deutschland, 2002, Seite 2-6
[5] Antwortschreiben des Schulministeriums NRW vom 21.07.2008 an die Bezirksregierungen
[6] Rahmenplan Religion für die Grundschule, Amt für Schule, 13.11.2003
[7] Rahmenplan Religion für das Gymnasium, Amt für Schule 13.11.2003
[8] Lehrplan alevitischer Religionsunterricht, Seite 8-9
[9] Kaplan, Ismail: Das Alevitentum- Eine Glaubens- und Lebensgemeinschaft in Deutschland, Seite 55-56

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