Home / Alevitentum / Der Semah

Der Semah

Viele kennen die Bilder der sich in Ekstase drehenden Derwische. In Sufi-Orden, wie dem Mevlevi-Orden und bei den Anhängern des Mystikers Haci Bektasi Veli (13. Jhd.) ist der Tanz ein fester Bestandteil der religiösen Riten und Traditionen.

Der Semah (Himmel, Himmelsgewölbe) hat vor allem innerhalb der alevitischen Kultur einen hohen Stellenwert. In Begleitung von Saz und mystischen Liedern tanzen Frauen und Männer gemeinsam in Form eines Kreises, wie die Kreisbahnen der Planeten Sonne und Mond. Mit langsamen Bewegungen geht’s los, Schritt für Schritt werden die Bewegungen schneller. Dabei darf nicht übersehen werden, dass der Semah nicht nur ein Tanzstil ist.

Musik und Rhythmus, Gesang und Körpersprache – alles Fundaments des Tanzes – haben beim Semah eine tiefere, mystische Bedeutung. Er ist eine Erzählung, Ausdruck von Dankbarkeit, der Freude, des Reichtums, aber auch des Todes, umrahmt von Rhythmen und Musik. Er ist eine Inszenierung des Ursprungs des alevitischen Glaubens, der sowohl schiitische als auch alttürkische, vorislamische und altchristliche Elemente umfasst. So erklärt es sich auch, dass es kaum regionale Unterschiede gibt, dass der Semah eine gemeinsame Sprache ist, der sogar weit entfernte alevitische Gemeinden miteinander verbindet. Innerhalb der Cem-Zeremonien, den religiösen Gemeindever-sammlungen der Aleviten, ist der symbolische Tanz nicht wegzudenken. In ihm spiegeln sich die Rätselhaftigkeit der islamischen Anfänge und Legenden wider. Hier wird die Himmelfahrt Muhammeds (gepriesen sei der Prophet) und das Leiden der Zwölf Imame dargestellt, den direkten Nachfahren des Propheten und somit für die Aleviten und Schiiten seine rechtmäßigen Nachfolger.

Der Tanz selbst erzählt von seiner eigenen Entstehung: Als Muhammed von der Himmelfahrt zurückkehrt, begegnet er den so genannten Vierzig, eine Gruppe von Heiligen. Er hat eine Traube bei sich, diese wird ausgepresst und der Saft versetzt die Vierzig in einen Rausch. Sie sagen „Bei Gott“, nehmen sich bei den Händen und beginnen mit dem Semah. Auch Muhammed tanzt mit ihnen. Während des Tanzes fällt der heilige Turban des Propheten auf den Boden und zerfällt in vierzig Streifen, aus denen sich jeder der Heiligen einen Rock schneidert. Wie diese Legenden ist auch die Umgebung des Cem voller Symbolsprache. Das Zentrum des Raumes stellt die Welt dar, durch das „Stampfen“ beim Semah will der Tänzer sich von der begrenzten, materialistischen und egoistischen Welt befreien.

Der Semah ist voller Emotionen und Ausdruck der Ergriffenheit. Dennoch ist er nicht ein aus-schweifender Tanz, sondern bestimmt von einer hochkomplizierten Symbolik vieler kleiner Bewegungen. Die Gefühle und die Atmosphäre bei diesem Ritual sind nicht wirklich in Worte zu fassen, sie bleiben ein Geheimnis einer an Geheimnissen reichen Lehre. Eine Lehre, die in den Worten des Volkssängers Nesimi ihren Ausdruck findet: „In mich passen zwei Welten, In nur diese Eine passe ich nicht, Ich bin eine freie Seele, In Orte und Körper passe ich nicht, Sei still und bleib zurück, Denn in Worte passe ich nicht“.

Nach der Überlieferung vom 6. Imam im “ IMAM CAFER BUYRUK “ wurde der Semah erstmals im “ Geheimbund der VIERZIGER “ vollzogen. Dieser Bund bestand aus 17 Frauen und 23 Männer und geht auf eine früh-alevitische Glaubensgruppe des 6. Jahrhunderts zurück. Unter diesen Personen war auch Ali, der Schwiegersohn Mohammed’s vertreten. In diesem Bund wurde dann in Anwesenheit von Propheten Mohammed eine Traube zerdrückt, so das alle ein Schluck davon einnahmen. Daraufhin haben die “ Vierziger “ den Semah “ getanzt „.

Anderen Quellen zufolge ist der Semah ein Relikt aus voralevitischen alttürkischen Religionen (Schamanis-mus), die von den Aleviten in den Frühislam eingebettet worden sind.

Der Semah ähnelt einem Reigentanz. Allerdings sollte er nicht als folkloristisches Element betrachtet werden, das zu feierlichen Anlässen oder gar zum Vergnügen getanzt wird. Der Semah ist vielmehr ein Gebetsritual, der nur in der Cem-Zeremonie vorgetragen werden sollte.