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Das Cem-Haus / Gebetshaus der Aleviten

Das Gemeindehaus bzw. Gebetshaus der Aleviten wird als Cem-Haus (türkisch: Cemevi) bezeichnet. Cem bedeutet „Versammlung“ und ev „Haus“, also zusammengefügt bedeutet es Versammlungshaus. Mit dem Bekanntwerden des Alevitentums in Deutschland entwickelte sich in der Fachliteratur und innerhalb der Öffentlichkeit die gebräuchliche deutschsprachige Bezeichnung „Cem-Haus“.

Die Cem-Häuser werden mit dem Zweck errichtet, einen Lebensraum für den alevitischen Glauben, die Kultur und Philosophie zu schaffen. Sie erfüllen verschiedene Funktionen und dienen als Gebets-, Begegnungs- und Bildungsstätten.

Das  Cem-Haus ist in erster Linie  ein Sakralgebäude bzw. ein Gebetshaus, in dem Menschen alevitischen Glaubens zusammenkommen um ihren Gottesdienst durchzuführen.  Auf der anderen Seite ist es kein Gebäude, das ausschließlich dazu dient, Cem-Zeremonien abzuhalten. Cem-Häuser sind multifunktionale Orte. Hier treffen sich die Gemeindemitglieder und Vertretungen, um z.B. Probleme zu besprechen, sich zu beraten, Konflikte konstruktiv zu lösen, pädagogische Bildungsarbeit zu betreiben, das Gemeindeleben zu fördern, sinnvolle Freizeitgestaltung zu organisieren und die alevitischen Glaubenslehren und Traditionen weiter zu vermitteln.

Das Alevitentum hat den Anspruch neben den religiös-theologischen Bestandteilen und Diskussionen, sich auch mit weiteren gesellschaftlich relevanten Themen zu beschäftigen, zum Beispiel Kunst, Kultur, Bildung und Umweltbewusstsein sind seit Jahrhunderten wichtige Tätigkeitsfelder und Komponenten des Alevitentums. Aus diesem Grund besteht ein Cem-Haus nicht nur aus dem eigentlichen Gebetsraum, also jenem Saal, in dem die Gottesdienste verrichtet werden, sondern aus einer ganzen Reihe von Räumlichkeiten, in denen Kunst, Kultur und Bildung betrieben werden können. In fast allen Cem-Häusern gibt es daher Räumlichkeiten, in denen Musik- und Tanzkurse, Seminare, Konferenzen, Literaturabende, Theateraufführungen, Konzerte und ähnliche Veranstaltungen stattfinden können.

Nichtsdestotrotz spielt der eigentliche Gebetsraum eine große Rolle und steht daher im Mittelpunkt des ganzen Gebäudekomplexes. Von daher gibt es in jedem Cem-Haus auch einen Saal bzw. Gebetsraum, in dem eine Cem-Zeremonie abgehalten werden kann. Dieser Saal ist meist mit orientalischen Teppichen und alevitischen Symbolen geschmückt. An an den Wänden hängen häufig Bilder von Geistlichen, die im Alevitentum als heilige Personen verehrt werden, wie z.B. Ali, die 12 Imame, Haci Bektas-i Veli und Pir Sultan. Im Gebetsraum befindet sich am Ende des Saals ein zentraler Platz, bestehend aus einem symbolisch tief gesetztem Divan, das „Post“ genannt wird. Dort sitzen die alevitischen Geistlichen, genannt „Dede oder Ana“ die den Gottesdienst leiten. Männliche Geistliche werden „Dede“ und weibliche als „Ana“ bezeichnet. An den Wänden entlang und im restlichen Raum verteilt befinden sich Sitzmöglichkeiten, bestehend aus Sitzkissen für die Teilnehmer der Cem-Zeremonie. Der mittlere Bereich bleibt frei, damit dort die sogenannten 12 religiösen Dienstpflichte (türk.:  Hizmet) durchgeführt und der religiöse „Tanz“, im alevitischen Sprachgebrauch als „Semah“ bezeichnet, vollzogen werden kann.

Im Gegensatz zu anderen religiösen Richtungen im Islam gibt es keine räumliche Geschlechtertrennung in Cem-Häusern. Männer und Frauen beten und führen alle symbolischen Gebetsrituale zusammen durch. Von außen betrachtet erwecken die Cem-Häuser keine Aufmerksamkeit, weil sie keine besondere Architektur aufweisen. Sie sind in erster Linie funktionelle Räumlichkeiten, die verschiedene Bedürfnisse der Gemeindemitglieder befriedigen. Bis in den 1950er Jahren lebte die alevitische Bevölkerung hauptsächlich traditionell in ländlichen Gebieten, in denen die Cem–Zeremonien in geeigneten großen Räumen durchgeführt werden konnten. Allerdings muss hinzugefügt werden, dass sich die sozioökonomische Struktur der Aleviten durch Urbanisierung in den letzten Jahrzenten stark verändert hat.

Die Ausbereitung städtischer Lebensformen hat auch in der alevitischen Gesellschaft sozio-kulturelle Prozesse in Gang gesetzt, die neue Herausforderungen mit sich bringen, sei es in theologischen Fragen oder auch in der Neuorganisation der Aleviten.

Mittlerweile ist der Prozess in Gang gesetzt, dass sich in den großen Metropolregionen der Türkei und in europäischen Städten eine Cem-Haus-Architektur etabliert. Vor allem neu errichtete Cem–Häuser werden in Anlehnung an die äußere und innere Architektur der alevitischen Derwischklöster gebaut. Als Beispiel können hier das Derwischkloster Haci Bektas Veli in der türkischen Stadt Nevsehir oder das Derwischkloster Sah Kulu in Istanbul genannt werden, die aus der Historie heraus von der türkischen Regierung seit jeher geduldet werden und deren bisherige Nichtzerstörung nahezu einem Wunder gleicht.

Verfasst von:

Bülent Korkmaz – Dipl. Sozialpädagoge  (Bildungsbeauftragter der Alevitischen Gemeinde Duisburg  von 2014 – 2019)

  • https://buelentkorkmaz.wordpress.com/ (Artikel zum Thema „Das Buch Buyruk“)
  • alevi-du.com